Der Christbaumständer

Dieses Thema im Forum "Winter" wurde erstellt von Tigerflocke, 29.11.11.

  1. 29.11.11
    Tigerflocke
    Offline

    Tigerflocke

    Beim Aufräumen des Dachbodens,
    ein paar Wochen vor Weihnachten,–
    entdeckte ein Familienvater in einer Ecke
    einen ganz verstaubten, uralten Weihnachtsbaumständer.

    Es war ein besonderer Ständer mit einem Drehmechanismus
    und einer eingebauten Spielwalze.
    Beim vorsichtigen Drehen konnte man das Lied
    "O du fröhliche" erkennen.

    Das musste der Christbaumständer sein, von dem Großmutter immer erzählte, wenn die Weihnachtszeit herankam.

    Das Ding sah zwar fürchterlich aus, doch da kam ihm ein wunderbarer Gedanke. Wie würde sich Großmutter freuen, wenn sie am Heiligabend
    vor dem Baum säße und dieser sich auf einmal
    wie in uralter Zeit zu drehen begänne und dazu
    "O du fröhliche" spielte.

    Nicht nur Großmutter,
    die ganze Familie würde staunen.
    Es gelang ihm, mit dem antiken Stück ungesehen in seinen Bastelraum zu verschwinden.

    Gut gereinigt, eine neue Feder, dann müsste der Mechanismus wieder funktionieren, überlegte er.

    Abends zog er sich jetzt geheimnisvoll in seinen Hobbyraum zurück,
    verriegelte die Tür und werkelte.
    Auf neugierige Fragen antwortete er immer nur "Weihnachtsüberraschung".

    Kurz vor Weihnachten hatte er es geschafft.
    Wie neu sah der Ständer aus,
    nachdem er auch noch einen Anstrich erhalten hatte.

    Jetzt aber gleich los und einen prächtigen Christbaum besorgen, dachte er.

    Mindestens zwei Meter sollte der messen.
    Mit einem wirklich schön gewachsenen Exemplar
    verschwand Vater dann in seinem Hobbyraum,
    wo er auch gleich einen Probelauf startete.
    Es funktionierte alles bestens.
    Würde Großmutter Augen machen!

    Endlich war Heiligabend.
    "Den Baum schmücke ich alleine", tönte Vater.
    So aufgeregt war er lange nicht mehr. Echte Kerzen hatte er besorgt, alles sollte stimmen.

    "Die werden Augen machen", sagte er bei jeder Kugel, die er in den Baum hing. Vater hatte wirklich an alles gedacht. Der Stern von Bethlehem saß oben auf der Spitze, bunte Kugeln, Naschwerk und Wunderkerzen waren untergebracht, Engelhaar und Lametta dekorativ aufgehängt.

    Die Feier konnte beginnen.

    Vater schleppte für Großmutter den großen Ohrensessel herbei.
    Feierlich wurde sie geholt
    und zu ihrem Ehrenplatz geleitet.

    Die Stühle hatte er in einem Halbkreis um den Tannenbaum gruppiert.
    Die Eltern setzten sich rechts und links von Großmutter, die Kinder nahmen außen Platz.

    Jetzt kam Vaters großer Auftritt.
    Bedächtig zündete er Kerze für Kerze an,
    dann noch die Wunderkerzen.
    "Und jetzt kommt die große Überraschung", verkündete er, löste die Sperre am Ständer und nahm ganz schnell seinen Platz ein.

    Langsam drehte sich der Weihnachtsbaum, hell spielte die Musikwalze
    "O du fröhliche". War das eine Freude!
    Die Kinder klatschten vergnügt in die Hände.
    Oma hatte Tränen der Rührung in den Augen.

    Immer wieder sagte sie:
    "Wenn Großvater das noch erleben könnte,
    dass ich das noch erleben darf."
    Mutter war stumm vor Staunen.

    Eine ganze Weile schaute die Familie beglückt und stumm auf den sich im Festgewand drehenden Weihnachtsbaum, als ein schnarrendes Geräusch sie jäh aus ihrer Versunkenheit riss.

    Ein Zittern durchlief den Baum, die bunten Kugeln klirrten wie Glöckchen. Der Baum fing an, sich wie verrückt zu drehen.
    Die Musikwalze hämmerte los. Es hörte sich an, als wollte "O du fröhliche" sich selbst überholen.

    Mutter rief mit überschnappender Stimme:
    "So tu doch etwas!"
    Vater saß wie versteinert, was den Baum nicht davon abhielt, seine Geschwindigkeit zu steigern.

    Er drehte sich so rasant, dass die Flammen hinter ihren Kerzen herwehten. Großmutter bekreuzigte sich und betete.


    Dann murmelte sie:
    "Wenn das Großvater noch erlebt hätte."

    Als Erstes löste sich der Stern von Bethlehem, sauste wie ein Komet durch das Zimmer, klatschte gegen den Türrahmen und fiel dann auf Felix, den Dackel,
    der dort ein Nickerchen hielt.

    Der arme Hund flitzte wie von der Tarantel gestochen aus dem Zimmer in die Küche, wo man von ihm nur noch die Nase und ein Auge um die Ecke schielen sah.

    Lametta und Engelhaar hatten sich erhoben und schwebten wie ein Kettenkarussell am Weihnachtsbaum.

    Vater gab das Kommando "Alles in Deckung!"

    Ein Rauschgoldengel trudelte losgelöst durchs Zimmer, nicht wissend,
    was er mit seiner plötzlichen Freiheit anfangen sollte.

    Weihnachtskugeln, gefüllter Schokoladenschmuck
    und andere Anhängsel sausten wie Geschosse
    durch das Zimmer
    und platzten beim Aufschlagen auseinander.

    Die Kinder hatten hinter Großmutters Sessel Schutz gefunden.
    Vater und Mutter lagen flach auf dem Bauch, den Kopf mit den Armen schützend.

    Mutter jammerte in den Teppich hinein:
    "Alles umsonst, die viele Arbeit, alles umsonst!"

    Vater war das alles sehr peinlich.

    Oma saß immer noch auf ihrem Logenplatz,
    wie erstarrt, von oben bis unten mit Engelhaar und Lametta geschmückt.
    Ihr kam Großvater in den Sinn,
    als dieser 14-18 in den Ardennen
    in feindlichem Artilleriefeuer gelegen hatte.

    Genau so musste es gewesen sein.
    Als gefüllter Schokoladenbaumschmuck an ihrem Kopf explodierte, registrierte sie trocken "Kirschwasser" und murmelte:
    "Wenn Großvater das noch erlebt hätte!"

    Zu allem jaulte die Musikwalze im Schlupfakkord
    "O du fröhliche",
    bis mit einem ächzenden Ton der Ständer
    seinen Geist aufgab.
    Durch den plötzlichen Stopp neigte sich der Christbaum in Zeitlupe, fiel aufs kalte Buffet,
    die letzten Nadeln von sich gebend.

    Totenstille!

    Großmutter, geschmückt wie nach einer New Yorker Konfettiparade, erhob sich schweigend.

    Kopfschüttelnd begab sie sich, eine Lamettagirlande wie eine Schleppe tragend, auf ihr Zimmer.
    In der Tür stehend sagte sie:
    "Wie gut, dass Großvater das nicht erlebt hat!"

    Mutter, völlig aufgelöst zu Vater: "Wenn ich mir diese Bescherung ansehe, dann ist deine große Überraschung wirklich gelungen."

    Andreas meinte: "Du, Papi, das war echt stark!
    Machen wir das jetzt Weihnachten immer so?"
     
    #1
  2. 29.11.11
    cmbn
    Offline

    cmbn

    Hallo Tigerflocke,

    sehr lustig deine Weihnachtsgeschichte.

    Ich hab auch eine.

    Die Geschichte vom Lametta oder Sauerkraut hilft auch

    Weihnachten naht, das Fest der Feste –
    Das Fest der Kinder – Fest der Gäste –
    Da geht es vorher hektisch zu ........
    Ein Hetzen, Kaufen, Proben, Messen –
    Hat man auch Niemanden vergessen ...?
     
    So ging's mir – keine Ahnung habend –
    vor ein paar Jahren – Heiligabend –
    der zudem noch ein Sonntag war.
    Ich saß grad bei der Kinderschar,
    da sprach mein Mann: "Tu dich nicht drücken,
    Du hast heut' noch den Baum zu schmücken!"
     
    Da Einspruch meistens mir nichts nützt,
    hab kurz darauf ich schon geschwitzt:
    Den Baum gestutzt – gebohrt – gesägt –
    und in den Ständer eingelegt.
    Dann kamen Kugeln, Kerzen, Sterne,
    Krippenfiguren mit Laterne.
    Zum Schluss --- ja Himmeldonnerwetta ---!
    Nirgends fand ich das Lametta !
     
    Es wurde meinem Mann ganz heiß
    und stotternd sprach er: "Ja, ich Weiß;
    Im letzten Jahr war's arg verschlissen –
    Drum ham wir's damals weggeschmissen.
    Und – in dem Trubel dieser Tage,
    bei meiner Arbeit, Müh' und Plage,
    vergaß ich, Neues zu besorgen!
    Ich werd' was von den Nachbarn borgen!"
     
    Die Nachbarn – links, rechts, drunter, drüber –
    Die hatten kein Lametta über!
    Da schauten wir uns an verdrossen,
    die Läden sind ja auch geschlossen...
     
    So sprach ich denn zu meinen Knaben:
    "Hört zu! Wir werden heuer haben
    einen Baum – altdeutscher Stil,
    Weil ... mir Lametta nicht gefiel...!"
    Da gab es Heulen, Schluchzen, Tränen---
    Und ich gab nach den Schmerzfontänen.
    "Hör endlich auf mit dem Gezeta –
    Ihr kriegt ´nen Baum – mit viel Lametta!"
     
    Zwar konnt' ich da noch nicht begreifen,
    woher ich nehm' die Silberstreifen...,
    doch gerade, als ich sucht' mein Messa –
    da les' ich: HENGSTENBERG MILDESSA" ---
    Es war die Sauerkrautkonserve....!
    Ich kombinier' mit Messers Schärfe;
    Hier liegt die Lösung eingebettet---,
    das Weihnachtsfest, es ist gerettet!
     
    Schnell wurd' der Deckel aufgedreht,
    das Kraut gepresst, so gut es geht –
    Zum Trocknen – einzeln – aufgehängt –
    und dann geföhnt, -- doch nicht versengt!
    Die trocknen Streifen sehr geblichen
    mit Silberbronze angestrichen –
    Auf beiden Seiten Silberkleid!
    Oh freue Dich, Du Christenheit!

    Der Christbaum ward einmalig schön,
    wie selten man ihn hat gesehn!
    Zwar roch's süßsauer zur Bescherung;
    Geruchlos gab's ne Überquerung,
    weil mit Benzin ich wusch die Hände,
    mit Nitro reinigte die Wände;
    Dazu noch Räucherkerz und Myrte –
    der Duft die Menge leicht verwirrte!
    Und jedermann sprach still, verwundert:
    "Hier richt's nach technischem Jahrhundert!"
     
    Ne Woche drauf!    ... Ich saß gemütlich
    im Sessel, las die Zeitung friedlich,
    den Bauch voll Feiertage-Rester –
    s' war wieder Sonntag – und Sylvester.
     
    Da sprach mein Mann: "Du weißt Bescheid?
    Es kommen heut' zur Abendzeit
    Schulzes, Lehmanns und Herr Meier
    zu unserer Sylvesterfeier ...
    Wir werden leben wie die Fürsten –
    s' gibt Sauerkraut mit Wiener Würsten!

    Ein Schrei ertönt! - Entsetzt er schaut:
    "Am Christbaum hängt mein Sauerkraut...!
    Ich hab vergessen, Neues zu besorgen!
    Ich werd was von den Nachbarn borgen!
     
    Die Nachbarn – links, rechts, drunter, drüber –
    die hatten – leider – keines über!
    Da schauten wir uns an verdrossen,
    die Läden sind ja auch geschlossen...
     
    Und so ward wieder ich der Retta;
    Nahm ab vom Baume das Lametta!
    Mit Terpentinöl und Bedacht
    hab ich das Silber abgemacht.
    Das Kraut dann gründlich durchgewässert,
    mit reichlich Essig noch verbessert;
    Dazu noch Nelken, Pfeffer, Salz
    und Curry, Ingwer, Gänseschmalz!
    Dann, als das Ganze sich erhitzte –
    das Kraut, das funkelte und blitzte –
    da konnt’ ich nur nach oben fleh’n,
    lass diesen Kelch vorübergeh’n...!
     
    Als später dann das Kraut serviert
    ist auch noch folgendes passiert:
    Da eine Dame musste niesen
    sah man aus ihrem Näschen sprießen
    tausend kleine Silbersterne...
    "Mach's noch einmal; Ich seh’ das gerne"...

    So rief man ringsum, hocherfreut –
    Die Dame wusste nicht Bescheid!
    Franziskas Lehmann sprach zum Franz:
    "Dein Goldzahn hat heut Silberglanz!"
    Und einer, der da musste mal,
    der rief: "Ich hab'nen Silberstrahl...!"

    So gab's nach dieser Krautmethode
    noch manche nette Episode!
    Beim Heimgang sprach ein Gast zu mir:
    "Es hat mir gut gefallen hier,
    doch wär’ die Wohnung noch viel netta,
    hättest Du am Weihnachtsbaum Lametta!

    Ich konnte da gequält nur lächeln
    und mir noch frische Luft zufächeln.
    Ich sprach – und klopfte ihm aufs Jäckchen:
    "Im nächsten Jahr, da kauf ich hundert Päckchen!!!
     
     
    #2
  3. 29.11.11
    Tigerflocke
    Offline

    Tigerflocke

    :laughing7:

    *schieflach*


    DANKE!!!
     
    #3
  4. 29.11.11
    Susasan
    Offline

    Susasan *

    Hallo,
    da passt doch auch der Text von Udo Jürgens "Merry Christmas allerseits" wunderbar dazu...ich finde das Lied immer wieder klasse.

    One two three four
    When the snow falls wunderbar
    and the children happy are
    When the Glatteis on the street
    and we all a Glühwein need
    Then you know es ist soweit
    she is hier the Weihnachtszeit
    Then you know es ist soweit
    she is hier the Weihnachtszeit
    Every Parkhaus is besetzt
    weil die people fahren jetzt
    all to Kaufhaus Mediamarkt
    kriegen nearly Herzinfakt
    Shopping hirnverbrannte things
    and the christmas Glocke rings
    Shopping hirnverbrannte things
    and the christmas Glocke rings
    Merry Christmas merry Christmas
    hear the music see the lights
    Frohe Weihnacht frohe Weihnacht
    merry christmas allerseits
    Mother in the kitchen bakes
    Schokonuss and Mandelcakes
    Daddy in the Nebenraum
    schmücks a Riesen-Weihnachtsbaum
    He is hanging auf the balls
    when he from the leiter falls
    He is hanging auf the balls
    when he from the leiter falls
    Finally the Kinderlein
    to the Zimmer kommen rein
    and a sings the family
    schauerlich "Oh christmas Tree"
    And then jeder in the house
    is packing die Geschenke aus
    And then jeder in the house
    is packing die Geschenke aus
    Merry Christmas merry Christmas
    hear the music see the lights
    Frohe Weihnacht frohe Weihnacht
    merry christmas allerseits
    Mama finds under the Tanne
    eine brand new Teflonpfanne
    Papa gets a Schlips und Socken
    everybody does frohlocken
    Präsident speaks in TV
    all around is harmonie
    Bis mother in the kitchen runs
    im Ofen burns the Weihnachtsgans
    And then comes the Feuerwehr
    with Tatü-ta-ta daher
    And they bring a long long Schlauch
    and a long long Leiter auch
    And they schrei "Wasser marsch"
    Christmas is now im Eimer
    Merry Christmas merry Christmas
    hear the music see the lights
    Frohe Weihnacht frohe Weihnacht
    merry christmas allerseits
    Frohe Weihnacht
    Happy new year
    Merry Christmas allerseits
     
    #4
  5. 29.11.11
    flinkeMaus
    Offline

    flinkeMaus

    Hallo Tigerflocke,
    das war eine total schöne Geschichte. Ich habe sie gespannt gelesen. Danke fürs rauskramen.
     
    #5
  6. 29.11.11
    Tigerflocke
    Offline

    Tigerflocke

    #6

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